Dank dem 6. Fit to Drive-Kongress bin ich vergangene Woche zum ersten Mal in Barcelona gewesen. Die Stadt ist wirklich toll, habe mich gleich in sie verliebt. Der Besuch des Kongresses hat sich also allein wegen der Stadt schon gelohnt. Aber nicht nur deswegen. Fit to Drive ist ein Kongress, der regelmäßig vom Verband der TÜV e.V. (VdTÜV) in Kooperation mit Partnerorganisationen aus dem jeweiligen Gastgeberland veranstaltet wird und sich ganz übergeordnet den Themen Verkehrssicherheit und Fahrtüchtigkeit widmet, dieses Jahr unter dem Motto “Reality and Vision – Common problems, European solutions“. Vertreter aus dem Bereich der Verkehrspsychologie und der Verkehrsmedizin sowie aus Politik und Verwaltung diskutieren dort gemeinsam über verschiedene Möglichkeiten, wie die Verkehrssicherheit weiterhin erhöht werden kann.
Eigentlich hätte ich bereits vergangenes Jahr am Fit to Drive-Kongress in Den Haag teilnehmen und dort unser inzwischen abgeschlossenes EU-Projekt “Driver Instructor Education 2.0″ vorstellen sollen. Leider kam mir aber wenige Tage vor dem Kongress mein Fahrradunfall dazwischen. Da sich unser aktuelles Projekt “Videoeinsatz in der Fahrlehrerausbildung (ViFa)” ebenfalls einem Thema widmet, dass gut zur Ausrichtung des Kongresses passt, habe ich dieses Jahr eine zweite Chance zur Teilnahme bekommen. Unter der Auflage, dass ich in den Wochen vor dem Kongress auf das Fahrradfahren verzichte – was ich natürlich auch gemacht habe.
Für mich war Fit to Drive der erste große internationale Kongress, an dem ich bislang außerhalb Deutschlands teilgenommen habe und dessen Zielpublikum mir vorher unbekannt war. Entsprechend war ich im Vorfeld auch aufgeregt. Hinzu kam noch, dass der Vortrag auf Englisch gehalten werden musste und die meisten anderen Redner Profs oder Doktoren waren. Im Nachhinein bin ich aber sehr froh, mich dieser Herausforderung gestellt zu haben, denn ich hatte eine schöne Zeit in Barcelona, habe unser Projekt einem internationalen Publikum vorstellen können, habe viele interessante Personen kennengelernt und mal wieder einiges dazugelernt.
Fit to Drive war der erste Kongress zum Thema Verkehrssicherheit, den ich bislang besucht habe. Umso interessanter fand ich es zu hören, welche Themen in diesem Bereich aktuell diskutiert werden. 2001 hatte sich die EU das Ziel gesetzt, die Zahl der Verkehrstoten bis 2010 zu halbieren. Seit damals konnte diese Zahl um immerhin 43 Prozent reduziert werden. Bei seiner Eröffnungsrede sprach Dr. Klaus Brüggemann vom VdTÜV aber sogar von “Vision 0″. Auch wenn die Zahl der Verkehrstoten im letzten Jahr in Deutschland seit langem wieder gestiegen ist, sei es das langfristige Ziel, tödliche Verkehrsunfälle komplett zu verhindern. Und das solle durch Bildung, Infrastruktur und gesetzliche Regelungen erreicht werden.
Themen des Kongresses waren dann vor allem die Primärprevention in Vorschule, Schule, Verkehrserziehung und Fahrschule, Sekundär- und Tertiärprävention mit besonderem Augenmerk auf Verkehrsteilnehmer mit Alkohol- und Drogenproblemen sowie Fahreignungsbegutachtung, verkehrspsychologische Beratung, Rehabilitation und Therapie in den EU-Staaten. Der Fokus lag dabei vor allem auf den (angehenden) Fahrern und anderen Verkehrsteilnehmern. Fahrlehrer, also diejenigen, die den künftigen Fahrern alle nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten für ein sicheres, verantwortungsvolles und umweltbewusstes Fahren vermitteln sollen, kamen nur am Rande zur Sprache.
Genau um diese Zielgruppe, die Fahrlehrer, ging es aber in meinem Vortrag. Denn im ViFa-Projekt beschäftigen wir uns damit, wie die Fahrlehrerausbildung durch den Einsatz von Videotechnologien und den Austausch von Wissen und Erfahrungen der Ausbilder zu diesem Thema verbessert werden kann. Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was genau ich in Barcelona über unser Projekt erzählen möchte. Denn bislang ist einiges nicht ganz so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt oder erwartet hatten. Vor allem die aktive Beteiligung in unserer Community “Fahrlehrer-Netz” ist bisland eher verhalten. Aber so ist es wohl mit Projekten, vieles läuft eben anders als gedacht, weil man menschliches Handeln im Vorfeld nicht durchplanen kann. Letztendlich bin ich in Barcelona offensiv mit den Herausforderungen, die uns im Projekt begegnen, umgegangen. Und ich hatte das Gefühl, dass das gut beim Publikum angekommen ist. Oft kommt es mir so vor, dass auf Tagungen und Kongressen eher von Erfolgen und positiven Ergebnissen berichtet wird, aber weniger über Herausforderungen und Probleme. Dabei kann man gerade aus letzteren ebenfalls viel lernen und mit anderen darüber diskutieren, wie man diese lösen könnte. Unsere größten Herausforderungen im Moment sind die Konkurrenzsituation der Fahrlehrerausbildungsstätten (unserer Praxispartner) untereinander, was den Wissensaustausch erschwert, die Medienkompetenz einiger Community-Nutzer sowie das klassische Zeitproblem der Nutzer, dass einem immer begegnet, wenn man Neuerungen in routinierte Arbeitsabläufe einführt.
Die nächsten Schritte im Projekt werden jetzt für mich sein, die bisherigen Projektaktivitäten und die Gründe für die geringe Community-Aktivität genau zu untersuchen und anschließend Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Die Reaktionen auf meinen Vortrag in Barcelona haben mich darin bestärkt, unser Projektziel, Standards für die Lehrkompetenzförderung in der Fahrlehrerausbildung (durch Videoeinsatz) aus der Praxis heraus zu entwickeln, weiterhin zu verfolgen. Fahrlehrer stehen heute vor großen Herausforderungen in ihrem berflichen Alltag und ihre Ausbildung muss sie bestmöglich darauf vorbereiten. Denn nur, wenn wir gut ausgebildete Fahrlehrer haben, wird es auch eine sehr gute Fahrausbildung geben – eine Grundlage für die Verbesserung der Verkehrssicherheit. Daher bin ich gespannt, wie sich das Berufsbild der Fahrlehrer in den kommenden Jahren entwickeln wird. Die Ausbildungssysteme innerhalb Europas sind sehr unterschiedlich und dennoch fordert das Road Safety Programme der EU von 2010, dass grundlegende Kriterien für Fahrlehrer in Europa eingeführt werden. Die Palette an Ausbildungssystemen reicht momentan von einem kaum regulierten Zugang zum Fahrlehrerberuf in Belgien bis hin zu einem FH-Studium für angehende Fahrlehrer in Norwegen. Bleibt abzuwarten, welchem System sich die grundlegenden Kriterien mal annähern werden.
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