Es ist alles anders in Astana – der neuen Hauptstadt

Bajterek

Es ist anders. Und wenn man meinem Papa glaubt (und das tue ich), war diese Stadt vor 20 Jahren noch eine ganz andere. Astana, die neue Hauptstadt Kasachstans. Diesen Namen, der wohlgemerkt übersetzt einfach nur Hauptstadt heißt, trägt die Stadt seit 1997, seit sie Almaty als Hauptstadt abgelöst hat. Als wir noch in Kasachstan lebten, hieß sie noch Zelinograd und dann für einige Jahre Aqmola. Aber eine neue Hauptstadt braucht wohl einen neuen Namen und schon ward Astana geboren.

Und nicht nur der Name ist neu – fast die ganze Stadt wurde erneuert oder zumindest umgebaut. Zwei Tage haben Flo und ich inzwischen mit meinem Vater hier verbracht und er erkennt fast nichts wieder. Dabei hat er hier mal studiert und daher einige Jahre gewohnt. Jetzt hört man von ihm vor allem: “Das sah hier früher anders aus” oder “Hier war früher nur Steppe”.

In den letzten zehn Jahren ist eine riesige moderne Stadt entstanden, wo zuvor oftmals tatsächlich nur Steppe war. Es ist durchaus beeindruckend, was hier alles gebaut wurde. Mich erinnert die Stadt ein wenig an Dubai, allerdings mit weniger Schnörkeln und dafür mit mehr Post-Sowjet-Schick. Und die Anzahl der Hochhäuser ist nicht ganz so riesig. Die Anzahl der Shopping-Malls hingegen schon. 🙂 Besonders beeindruckend ist hier das Khan Schatyr, ein Einkaufsparadies in Form einer riesigen Jurte, dem traditionellen Zelt der kasachischen Nomaden. Wer nicht nur shoppen will, kann im Khan Schatyr auch Achterbahn fahren oder einen Dino-Park für Kinder besuchen.

Auch das Regierungsviertel ist beeindruckend geworden. Vom Bajterek, dem Wahrzeichen des neuen Astana, hat man einen direkten Blick auf den riesigen Präsidenten-Palast. Fährt man mit dem Aufzug ganz nach oben in die goldene Kugel, kann man die ganze Stadt überblicken und erhascht in der Ferne auch einen ersten Blick auf die Steppe. Flo kann es kaum erwarten, diese dann bald aus nächster Nähe zu sehen. Aber auf der morgigen Fahrt in unsere alte Heimatstadt wird er dazu mehr als genug Gelegenheit haben. 🙂 Neben dem schönen Ausblick gibt es oben im Bajterek noch eine weitere, gerade bei Kasachen sehr beliebte Attraktion: den (natürlich) goldenen Handabdruck des Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Angeblich bringt es Glück, wenn man seine Hand in seinen Handabdruck legt – in dem Fall sollte es ein glücklicher Urlaub für uns drei werden.

Schön anzusehen sind die beiden großen Moscheen Nur Astana und Hazret Sultan sowie die große orthodoxe Mariä-Entschlafens-Kathedrale – allesamt in den vergangenen zehn bis 12 Jahren gebaut. Komplett verändert hat sich auch das Stadtbild rund um den Fluss Ischim bzw. Jesil, wie er nun kasachisch heißt. Wo früher nur Schilf war, findet sich nun eine gut ausgebaute Promenade die zum Schlendern einlädt – wenn denn das Wetter mitspielt.

Denn leider begrüßt uns unsere alte Heimat mit windigem, verregnetem Wetter. Flos Kommentar dazu: “Den zentralasiatischen Sommer habe ich mir anders vorgestellt.” Und ich habe ihn irgendwie anders in Erinnerung. Aber es ist ja eh alles anders hier. Trotz Regen lassen wir uns nicht abhalten, die Stadt zu erkunden. Heute halt mehr mit dem Auto. Aber auch Autofahren ist hier anders. Die Kasachen pflegen einen, sagen wir mal, etwas ruppigen Fahrstil. Da bin ich froh, dass Flo das Autofahren übernimmt. Und das Fußgänger immerhin mit großem Respekt behandelt werden und dann jeder bremst. Aber halt nur für Fußgänger, auf keinen Fall die anderen Autofahrer. Da wird dann wütend gehupt und sich reingedrängelt. Fußgänger müssen sich hingegen vor den riesigen Pfützen auf und neben den Gehwegen in Acht nehmen. Wer nicht aufpasst, bekommt schonmal eine unfreiwillige Dusche. Denn auch wenn die Straßen von Astana als gut gelten, zeigen sich überall Schlaglöcher und sich stauendes Wasser.

Insgesamt wirkt die Stadt auf den ersten Blick ziemlich neu. Aber das Bild bröckelt im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man sich Gebäude und Straßen genauer anschaut. Und wenn man die zentralen Straßen verlässt, ändert sich das Bild schlagartig (auch das ist manchmal wortwörtlich gemeint). Dann sind plötzlich Straßen kaum oder gar nicht befestigt und alles andere als eben. Und aus neuen Hochhäusern und Platten werden plötzlich doch die alten, inzwischen halb verfallenen Häuser aus der Sowjetzeit. Renoviert und modernisiert wird nur da, wo es auch gesehen wird. Von daher bleibt abzuwarten, wie sich die Stadt weiterentwickeln wird und was aus den vielen Expo-Baustellen wird, wenn die Weltausstellung nächstes Jahr wieder vorbei ist.

Wir suchen morgen noch nach dem medizinischen Institut, an dem mein Papa früher studiert hat. In der Hoffnung, dass er wenigstens etwas Bekanntes wiederfindet. Und dann geht es nach Alexejewka, ähm, Akkol, meine ich natürlich.

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